Gedanken zur Voraussetzung und Entwicklung der SOZIALEN KUNST

Vorwort

Es ist schon schwierig, über die bekannten Künste zu sprechen, da Kunst sich im Wesentlichen durch dass direkte Erleben und nicht durch Erklärung ergibt. Schwieriger scheint es, eine neue Kunst zu beschreiben, deren Existenz noch nicht einmal anerkannt ist.

Und doch ist eine gedankliche Fassung der richtige Weg, wenn man davon ausgeht, dass es ein berechtigtes Bedürfnis des heutigen Bewusstseins ist, alles, womit es umgeht, auch im klaren Gedanken zu erfassen. Fruchtbar wird das allerdings nur, wenn der Gedanke auch zur Gestaltung führt!
Wenn der Inhalt der Beschreibung komplex, ja kompliziert erscheint, liegt das nicht an der sozialen Kunst, sondern am gedanklichen Beschreiben.

Eine Skizze von Picasso nach ihren wesentlichen Zügen zu beschreiben wäre ein umfassendes Werk, der direkten Anschauung ergibt sie sich unmittelbar. Begriffe wie „Sozial“ und „Kunst“ und „Individuell“ werden inzwischen dermaßen vielfältig und auch widersprüchlich gebraucht, dass Missverständnisse kaum zu vermeiden sind. Deshalb möchte das hier Formulierte vor allen Dingen eine Anregung sein, um ins Gespräch zu kommen!
Eine andere allgemeine Schwierigkeit des Ausdrucks ist die Inflation der Begriffsinhalte in unserer Zeit.

Einleitung

Die folgenden Gedanken zur sozialen Kunst sind im Wesentlichen auf die Frage nach der Individualität gerichtet. Den Begriff der Individualität von dem der Persönlichkeit und des Egoismus zu differenzieren und als eigenständig herauszuarbeiten ist das primäre Anliegen. Das Ziel liegt darin, den im Allgemeinen erlebten Widerspruch zwischen Individualität und Sozialität aufzuheben.

Im Stil der Darstellung ist der Versuch unternommen, die verschiedenen Kapitel dem Inhalt gemäß in eine entsprechende Form zu bringen.

Entwicklungsgesetze der sozialen Kunst:

  1. Grundbedingung: Freiraum zur Entwicklung der Individualität.
  2. Grundbedingung: Bezug zum Gesetz der Kunst, der Bildung.
  3. Der Widerspruch zwischen Freiheit (1.) und Gesetz (2.) führt zur Krise, die die eigentliche Erkenntnis, die Individualisierung ermöglicht.
    das Problem
  4. In der Erkenntnis der Krise befreit sich der Mensch aus dem Kopf, erkennt sich im Anderen, kommt sich im Anderen entgegen
    das Erwachen
  5. Die Abgrenzung von Ich und Du, Individualität und Gemeinschaft wird zur eigentlichen Frage, muss erkannt und qualifiziert werden: wirkliches Selbstbewusstsein entsteht.
    die Individualisierung
  6. Das so erwachte Selbstbewusstsein erlebt die Gemeinschaft als Gestalt und findet schrittweise die Bedingungen und Gesetze dieser Gestaltung.
    die Erkenntnis
  7. Die Frage der eigenen Lebenshaltung wird zentral
    die Prüfung
  8. Bildung von freien sozialen Zusammenhängen
    die Gestaltung der Sozialen Kunst

1. Grundbedingung: Freiraum zur Entwicklung der Individualität.

Die Individualität entwickelt sich aus ihren eigenen Impulsen und Gesetzen.
Sie braucht jedoch ein Umfeld, das diese Entwicklung anregt und fördert. Dieses Umfeld ist im besten Sinne durch Freiheit gekennzeichnet. Menschen und Umwelt in ihrem Wesen zu erkennen und danach zu handeln ist hier als die wirkliche Freiheit gemeint. Heute versteht man unter Freiheit meist Wahlfreiheit. Diese ist aber an die Beliebigkeit gebunden. Sie erfasst dann die eigenen Bedürfnisse, nicht aber den Anderen, das Fremde. Durch die empathische Erkenntnis des mir Fremden kann ich mich erst frei zum anderen Menschen stellen und zu eigenen Impulsen für die Tat kommen. Freiheit ist hier also als vertiefte Einsicht gemeint. Aus dieser Freiheit ergibt sich ein grundlegendes Vertrauen in die Entwicklung der Individualität. Vertrauen setzt Sicherheit im eigenen Wesen voraus. Diese Sicherheit erlebt jeder Mensch erst einmal in tragfähigen Beziehungen, also Beziehungen, die nicht von der Situation abhängen, die auch Krisen überdauern. Die Individualität selber entwickelt sich in dieser Sicherheit, denn die Individualität stellt sich in dem Maße her, in dem der Mensch seine Biographie überschaut und den Weg seiner Entwicklung überspannt und ergreift. Insofern
fällt Freiheit, Vertrauen und Individualität in den gleichen Begriff: der selbstbewusste Mensch!
Für jeden zwischenmenschlichen, sozialen Rahmen stellt sich also die Frage, wie weit das individuelle Prinzip die Strukturen bestimmt und welche Menschen in diesen Strukturen arbeiten.
Jeder Mensch entwickelt sich aus der Abhängigkeit in die Freiheit. Die Kunst im Sozialen ist also, einen Rahmen zu entwickeln, der den verschiedenen Stufen dieser Entwicklung gerecht werden kann. Freiheit kann nicht abstrakt gefordert werden, keiner hat sie, jeder ist in der Entwicklung zu ihr hin. Die einen fordern Freiheit, die anderen erleben Abhängigkeit als Struktur, die ihnen Schutz und Sicherheit gibt. Da Freiheit und Abhängigkeit aber als krasser Widerspruch erlebt werden, entsteht hier konsequenter Weise soziale Dramatik! Aus diesem Grunde ist die Schauspielkunst das beste Mittel zur Schulung und ein optimaler Rahmen für die Entwicklung zur Individualität. Das Schauspiel ist ein Übungsfeld, um sich selber in der Spannung zwischen Freiheit und Abhängigkeit zu erleben und zu entwickeln.

2. Grundbedingung: Bezug zum Gesetz von Kunst und Bildung.

Entwicklung vollzieht sich immer im polaren Spannungsfeld. So hat die Pflanze in sich das Gesetz ihrer Form. Real wird die Pflanze aber erst durch die Wirkung von Wärme, Wasser und Licht und baut sich ihren Körper aus der Erdsubstanz auf. So hat auch das Individuum seine Entwicklungsgesetze und Impulse in sich, braucht aber zur Entfaltung die Begegnung, die Anregung von außen. Dieses gilt für die allgemeinen Lebenswerte wie menschliche Wärme und Sorge. Das reicht aber nicht zur Entfaltung der eigenen Individualität aus. Jeder Mensch braucht Anregungen, die über die unmittelbaren Lebensbedürfnisse hinausgehen. Diese Anregungen sind die Arbeitsergebnisse, sozusagen die Früchte von Menschen, die zum Wesentlichen vorgestoßen sind, und die diesem Wesentlichen eine Form geben können. Es sind die inspirierenden Leistungen in Kunst und Wissenschaft, auf denen jede Kultur basiert.
Die Intensität dieser Werke eröffnet einen Zusammenhang von prinzipieller Dimension, der der Individualität ein Nordstern in der eigenen Entwicklung werden kann. Der Suchende findet in diesen Werken Gesetze der Gestaltung, die über die gesellschaftliche Konvention hinausgehen. Diese Gesetze sind verbunden mit den Idealen menschlicher Gestaltung: Lebensspannung, Eigenheit, Offenheit und Schönheit. Das sind Ideale, die der Individualität Ziele geben können und sie findet aus ihnen die Gesetze, diese Ziele auch in die Tat umzusetzen.
Die Individualität braucht also für ihre Entwicklung den starken Bezug zu den Idealen der Menschheit und deren Verkörperungen in den Schöpfungen der Kunst und Wissenschaft. Dieser Bezug befreit aus der bloßen Meinung und es kann eine Kontinuität der eigenen Fragestellung daraus entstehen. Die Kontinuität der eigenen Fragestellung ist der Boden für die Individualität! Auch im sozialen Miteinander gibt die Idee und ihr Körper, Kunst und Wissenschaft, den Ort der Verständigung der gemeinsamen Tätigkeit. Daran kann sich eine gemeinsame Fragestellung entwickeln: Der Boden für eine freie Gemeinschaft.

3. Der Widerspruch zwischen Freiheit (1.) und Gesetz (2.) führt zur Krise, die die eigentliche Erkenntnis, die Individualisierung ermöglicht.
– das Problem

Zwischen Gesetz und Freiheit ist der Urwiderspruch im menschlichen Wesen. Der Mensch braucht aber Freiheit und Gesetz und versucht doch ständig, von dem einen zum anderen zu flüchten.

Beginnt der Einzelne, sich aus der Konvention zu lösen, also selbstständig zu werden, zeigt sich die eigene Einseitigkeit, das Leben wird dramatisch: Ist der Wille zur Freiheit dominant, droht Beliebigkeit und die Verirrung im Selbstgenuss. Die Steigerung der Bedürfnisse und Triebe führt bei dieser Einseitigkeit zum Ausbrennen und dann zur resignativen Untätigkeit. Aus dem Egoismus ergibt sich die Projektion der eigenen Lebensproblematik auf das soziale Umfeld. Die Welt ist Schuld, dass man sich nicht entfalten kann, die Umstände, Sachzwänge, Mitmenschen.

Geht die Neigung zum Gesetz, zur Objektivität, droht Starrheit und Phantasielosigkeit. Es entsteht die Tendenz, Systeme aufzubauen, in die man die Wirklichkeit, auch die eigene, pressen will.

Beide Einseitigkeiten führen letztlich zum Erlahmen der Kräfte und zur Initiativlosigkeit.
Dies scheint vielleicht eine simple Einsicht, die aber in der Lebensführung äußerst schwierig zu erkennen ist.

Denn die volle Lebensspannung entsteht daraus, dass Freiheit und Gesetz in die richtige Verbindung gebracht werden. Eine Dominanz der einen Seite ist erst einmal der einfachere, oft sogar der erfolgreichere Weg. Andererseits braucht die Individualität zur Entwicklung die Einseitigkeit, um sich selbst zu erfahren, um kräftig zu werden. In diesem Widerspruch entsteht die Ursache für jede Krise.

Ist die Orientierung zwischen Freiheit und Gesetz schon für den Einzelnen eine Herausforderung, so erst recht für die Gemeinschaft.
Jede Gemeinschaft, jede Gesellschaft hat die Tendenz, die Wirkung von Kräften und Ideen zu verstärken, bei Unterdrückung der Individualität.
Ein einseitiger Freiheitswille führt in der Gesellschaft zur Ideologie des Egoismus bei Ausbeutung der Ressourcen von Mensch und Natur.
Folgt eine Gesellschaft einseitig dem Gesetz, entsteht Faschismus; der einzelne hat nur noch einen Wert für die Gesellschaft, insofern er dem System dient.
Beide Einseitigkeiten führen in der Gesellschaft zur Zerstörung der Kultur, wenn sie nicht erkannt und ausgeglichen werden.
Dies drückt sich zurzeit deutlich in dem Streit der Ideologien von Egoismus und Sozialität aus. Diese Ideologien laufen inzwischen in einer Parallelführung, sind also trotz ihrer Widersprüchlichkeit gleichzeitig präsent!
Die Ideologie des Egoismus suggeriert die Durchsetzung der eigenen Motive als höchsten Wert, vom Privatleben bis in den Aufbau der Wirtschaftssysteme. Wer dem nicht folgt, gerät ins Abseits.

Die Ideologie der Sozialität baut dagegen eine Forderung nach radikaler Selbstlosigkeit und Akzeptanz von jeder Lebensform, die dem jeweiligen Wertekatalog entspricht. Verstößt der Einzelne dagegen, wird er von der Gemeinschaft gestraft. Dies wird mit den Mitteln der sogenannten Qualitätsentwicklung und der Political Correctness als verbindliche Form angelegt und eingefordert.

Die Lösung besteht in der Einsicht, dass sowohl die egoistische, als auch die altruistische Haltung Teil der elementaren menschlichen Natur sind, die nicht durch Zwang oder ideologische Überzeugung auszuschalten sind. Beide wirken antisozial!
Die Spannung zwischen Freiheit und Gesetz ist die eigentliche Sphäre der Kunst. Im künstlerischen Akt verbinden sich beide zur neuen Form, in der sie keinen Widerspruch mehr bilden: Das Gesetz wird Grundlage für die freie Gestaltung.

Was beim Hausbau klar ist, dass nämlich alle Gestaltung sich in die Gesetze der Statik einfügen müssen, ist bei den anderen Künsten schwer zu erkennen, da falsch angewendete Gesetze nicht zum Zusammensturz führen. Ein Bild fällt nicht auseinander, der Schauspieler bricht nicht auf der Bühne zusammen, wenn die Gestaltungsgesetze nicht beachtet werden. Die Gesetze müssen in diesen Künsten auf einem inneren Weg der Erfahrung, des Probierens und der Selbsterkenntnis gefunden werden. Sie lassen sich auch nicht in Formeln ausdrücken, sondern nur mühsam mit Worten umschreiben. Für den, der sie noch nicht erfahren hat, sind sie unsichtbar, eigentlich nicht existent. Damit sind sie auch nicht beweisbar, wenn die Grundlagen der Beurteilung fehlen. Es sind auch keine abstrakten Gesetze, keine gemachten, sondern sie stehen im Zusammenhang mit der gesamten menschlichen Konstitution, quasi mit unserem Bauplan. Die Kenntnisse der Kunstgesetze fallen also zusammen mit der Kenntnis der kompletten, eigenen Konstitution. Die Betätigung in der Kunst in Kenntnis dieser Gesetze ist die eigentliche Selbstverwirklichung. Deswegen ist die Betonung des Künstlerischen als Bildungsprinzip für alle Bildung ernst zu nehmen, um sich selber zu erkennen und eine freie Gemeinschaft zu bilden. Das Üben in der Kunst ist die Voraussetzung für die Entwicklung einer zukünftigen Gemeinschaftsform.

Üben heißt hier einfach, dass man es täglich macht, sonst bleibt es Idee, und Kunst heißt hier alles, was ich selbstbewusst durchgestalte. Selbstbewusstsein ist dann aber keine Hobbyebene, keine Komfortzone von selbstverliebtem Experimentieren, sondern existentielle Verbindung in voller Konsequenz mit der Sache.

4. In der Erkenntnis der Krise befreit sich der Mensch aus dem Kopf, erkennt sich im Anderen, kommt sich im Anderen entgegen
das Erwachen

Kann man das Verhältnis von Gesetz und Freiheit im Selbstgefühl erleben, wird die Begegnung mit dem anderen Menschen deutlicher: Man erlebt die Egozentrik des vorigen Zustands, in dem sich die eigenen Vorstellungen und Gefühle als Maske über die Wahrnehmung gelegt haben. Dadurch war man quasi blind für den anderen Menschen und auch für die Natur. Man sah eigentlich nur sein Gefühl, beziehungsweise seine Vorstellungen. Durch das künstlerische Üben wird das Gefühl geformt, – ich erkenne seine Gestalten und meine Impulse darin. Dadurch wird das Gefühl quasi durchsichtig, es verliert seine Selbstbezogenheit und wird zum Wahrnehmungsorgan. Ich erlebe jetzt den anderen Menschen nicht nur vorurteilsfrei, in seinem eigenen Wert und Wesen, auch mich selber kann ich frei betrachten. Und ein Drittes kommt dazu: Die Verbindung zum anderen verliert die Schattenhaftigkeit der Konvention, das Verhältnis wird konkret und substantiell. Kann ich erleben, dass mir der andere eigentlich unbekannt ist, kann ich über die Begegnung staunen, entsteht das Erleben, das mein eigenes Bewusstsein sich in der Begegnung mit dem anderen erweitert. Ich kann durch den anderen mehr und Neues erkennen, über meinen Erfahrungshorizont, meine Lebenserfahrung hinaus. Durch eine solche Art der Begegnung wird das eigene Gefühl aus der Subjektivität befreit.

Und schließlich kann ich die Begegnung durchaus zu dem zählen, was ich mein „ich“ nenne. Ja, dies Erleben kann sich so verdichten, dass ich die Begegnung mit dem anderen Menschen als realer und für mich wesentlicher erlebe, als mein eigenes Innenerleben. Hier erwacht erst die eigentliche soziale Frage: Was ist

mir der Mensch jenseits aller Konvention und Konditionierung? Welchen Rätsel, Aufgaben und Verantwortungen kommen mir da entgegen? Welche Entwicklung fordert die Begegnung von mir? Der andere Mensch wird zum Geheimnis, das gelüftet werden will, und in diesem Geheimnis kann ich mich selber erkennen. Folgt man diesem Gedanken, kann man sagen: ich komme mir im anderen selber entgegen. Im Schauspieltraining wird dies ganz praktisch erlebt: Der andere hat den König! Das heißt, seine Entscheidung, sein Spiel ist meine Inspiration, ich hole mein Spiel, meine Handlung aus dem Anderen. Spiele ich aus den eigenen Ideen, wird das Ergebnis langweilig, es wird ein Monolog, ich verliere den anderen und auch mich selbst. Dieses Schauspielgesetz kann man unmittelbar auf die soziale Situation übertragen. Dann verlasse ich das Leben, das zwischen die Einsamkeit der Individuen die Konvention und die Zerstreuung setzt und erwache am andern Menschen.

5. Die Abgrenzung von Ich und Du, Individualität und Gemeinschaft wird zur eigentlichen Frage, muss erkannt und qualifiziert werden: wirkliches Selbstbewusstsein entsteht.
die Individualisierung

Erwacht man in der Begegnung, dann löst sich die Grenze der Egoität auf, die der Person vorher Schutz und Sicherheit gegeben hat. Man braucht jetzt eine neue Aufmerksamkeit, um die Grenzen von Ich – Du, Ich – Wir, Ich – Ihr, Ich – Sie und auch Ich – Es neu zu bewerten. Die entstehende Offenheit gibt völlig neue und tiefe Inhalte für die Begegnung, aber birgt auch Gefahren. Wir leben auf einer Kulturstufe, in der sich das schon auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene zeigt: Es entstehen Formen der Überempfindlichkeit, die aus der Überforderung von Außeneindrücken herrühren. Die Entwicklung der Kommunikationstechnik tut ihren Beitrag zur Grenzauflösung ebenso wie eine völlige (nötige) Auflösung alter Werte. Die haltlose Persönlichkeit ist in der Gefahr, in einer überdynamischen Welt zu ertrinken. Sie versucht sich in die Zerstreuung zu retten. Damit ist sie zwar aus dem Strudel des Unfassbaren befreit, aber auch aus der eigenen Entwicklung gefallen. Das nennt man dann Burn Out oder Depression. Auf ihre Quellen der Kraft angesprochen äußern immer mehr Menschen, dass sie keine Zeit und Kraft haben, zu irgendwelchen Quellen zu gelangen.

An die Ursachen für diese Phänomene zu kommen, ist sehr schwer. Hier ein bestimmt unvollständiger Versuch:

In den letzten 500 Jahren ist die Person schrittweise von jeder Bindung befreit worden. Das umfasst Religion, Sozialgestalten, Wertehaltungen, Berufsethos und zuletzt auch die Integrität der Persönlichkeit. Dadurch ist eine Gesellschaft entstanden, die Formen für selbstbestimmte Individualität geschafft hat, ohne das diese Gesellschaft die Reife dafür erlangt hat. Diese Reife würde sich in einer entsprechenden Bildung zeigen. Unsere Bildung ist aber im Prinzip noch am 19. Jahrhundert orientiert: Bildung als additive Wissensaufnahme. Die Möglichkeiten der technische Mobilität und Kommunikation suggerieren eine individuelle Freiheit, die noch nicht erreicht ist. Bild dafür ist der heutige Jugendliche, der souverän mit der Technik umgehen kann, aber keine entwicklungsfähigen Inhalte hat, die er damit transportiert. Dies ist keine Kritik an der Technik, sondern der Hinweis auf die drängende Frage nach den Bedingungen für die Entwicklung der Individualität.

Menschliche Begegnung ist ein Akt der Intuition, dass heißt, im Wesentlichen ohne begriffliche Inhalte. Schaue ich dem Anderen in die Augen, kommt mir etwas entgegen, das jenseits aller Begrifflichkeit liegt. Begreifen kann man den anderen Menschen nicht, der Begriff erfasst immer nur abstrakte Fragmente der Persönlichkeit. Deshalb kommt jede Wissenschaft, die begrifflich analytisch an den Menschen herangeht, ganz konsequent nicht zum Begriff der Individualität, sondern erfasst das Konzept der Persönlichkeit, – eine Zwiebel mit vielen Häuten ohne Kern. Dies gilt für die Begegnung mit dem Einzelnen wie mit Gruppen und Gesellschaften.

In der direkten Begegnung wirken aber nicht nur die intuitive Ebene, in der ich den anderen als Wesen erfasse, sondern auch Kräfte und Wirkungen, die nicht vom selbstbestimmten Wesen ausgehen. Die Wirkungen dieser unterbewussten Kräfte sind, da sie aus jeglichem Zusammenhang gefallen sind, zunehmend krankmachend, beziehungsweise zerstörerisch. Das Schauspiel hatte stets die Aufgabe, diese Kräfte sichtbar zu machen, indem sie diese zur dramatischen Konsequenz führt. Diesem Gedanken folgend kann man sagen, dass das Schauspiel die eigentliche Psychologie darstellt: Sie führt alle nichtindividuellen Aspekte der Persönlichkeit in die Konsequenz, das heißt, in die Tragik und legt dadurch die Entwicklung zur individuellen Selbstbestimmung frei. So ist die Persönlichkeit der Stoff, aus dem das Kunstwerk Individualität entsteht.

Da in der Sozialen Kunst die zwischenmenschliche Ebene im Zentrum der Gestaltung liegt, wird die Frage, ob ich die Individualität oder nichtindividuelle Kräfte vor mir habe, zur entscheidenden Frage. Wie auf der einen Seite die Forderung nach einer offenen Begegnung eine entscheidende Forderung unserer Zeit ist, so auf der anderen Seite die Wahrnehmung und Abgrenzung zu nichtindividuellen Wirkungen der Persönlichkeit. Hierin liegt die Berührung der sozialen Frage mit der therapeutischen Frage: Wie kann ich mich dem anderen Menschen ganz öffnen, ohne krankmachende Wirkungen in mich aufzunehmen? Wie kann ich dem Anderen (und mir selber) in die Entwicklung helfen? In dieser Frage kann man das wesentliche Prinzip aus der künstlerischen Korrektur, beziehungsweise aus der Regieführung übernehmen. Unbedingtes Ziel ist hier Fruchtbarkeit, also freie, auf die Sache gerichtete Produktivität: Der Regisseur erfasst intuitiv die Willensrichtung des Schauspielers, das Ziel, das von ihm selber noch nicht reflektiert ist, da jeder Schaffensprozess ja eintauchen muss aus der Vorstellungsklarheit in die Dunkelheit des schöpferischen Traums. Die Beurteilung ist im schöpferischen Prozess nicht die Voraussetzung, um zum Schaffen zu kommen, sondern erst möglich im Abschluss des gesamten Prozesses, sie liegt also in der Zukunft. Es geht also in der Korrektur, in der Regie nicht um die Perfektion eines Richtig- Falsch, sondern um die Wahrnehmung der Willensrichtung. Der Blick des Regisseurs ist nicht auf die Fehler und Defizite des Schauspielers gerichtet. Auch der Schauspieler muss seine Mängel vergessen können, um sich auf den schöpferischen Prozess konzentrieren zu können. Dies alles ist ein intuitiver Prozess, der nicht in konturierte Begriffe zu bringen ist. Übertragen auf eine Soziale Kunst gilt dieses Gesetz auch für die Entwicklung der Persönlichkeit und der Gemeinschaft. Die Fehler selber dagegen kann man scharf begrifflich fassen. Das ist in der Selbsterkenntnis auch nötig, hat jedoch folgende Voraussetzungen:
1. einen Begriff vom gesunden Zustand zu haben, 2. zu realisieren, das der Mensch nur durch Fehler, Irrtümer lernt und 3. das Verhältnis der Irrtümer zur suchenden Individualität nicht aus den Augen zu verlieren.

Unter Fehler ist hier auch die seelische oder körperliche Krankheit gemeint, insofern Krankheit immer aus einer Einseitigkeit entsteht, oder besser gesagt, deren Konsequenz ist. Auch hier kann die Schauspielkunst Anregung zur entsprechenden Haltung geben, denn der Schauspieler ist angewiesen, alle menschlichen Fehler und Missstände genau, aber liebevoll zu beobachten. Dies alles gilt im Besonderen für die Selbsterkenntnis, denn ohne die Fähigkeit, zwischen der eigenen Produktivität und den eigenen Einseitigkeiten unterscheiden zu können, ist der Blick auch für die soziale Realität verstellt.

6. Das so erwachte Selbstbewusstsein erlebt die Gemeinschaft als spezifische Gestalt und findet schrittweise die Bedingungen und Gesetze dieser Gestaltung.
die Erkenntnis

Aus dem vorher Entwickelten ergibt sich die Voraussetzung, auf die eigentliche soziale Kunst zu schauen. Der heutige Blick auf die soziale Frage ist geprägt durch die Wissenschaftsanschauung des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese hat im Großen und Ganzen ihren Ausgangspunkt in der Analyse des menschlichen Erlebens und Verhaltens. Diese Analyse findet den Menschen als bestimmt von Sozialisation und Vererbung. Die Eigenheit, die Individualität, wird darin als ein rein subjektives Element des Gefühls gewertet. Die Ergebnisse dieser Analyse wurden integriert in die entstehenden gesellschaftlichen Werte von Wohlfahrt, Gerechtigkeit und Förderung der Persönlichkeit. Die Gegenwart verlangt aber einen ganz anderen Blick auf das Soziale: Wie ist die Individualität in diesem gerechtfertigt und wie sieht eine Sozialität aus, in der sich die Individualität entfalten kann?
Dieses fordert einen konkreten Blick auf die Individualität selber.

Für diesen Blick müssen sich Wissenschaft und Kunst wieder in einer gemeinsamen Bewegung finden. Denn die Wissenschaft als abstrahierende Betätigung des Geistes braucht die Brücke zur Anwendung des Erkannten. In der Technik ist diese Brücke durch das Ingenieurswesen gegeben. Dieses überträgt die theoretischen Ergebnisse der Wissenschaft in die Anwendung. Der Beweis für deren Richtigkeit ergibt sich ganz einfach in der Funktionalität. Dieser Zusammenhang ist aber nicht auf den Menschen und seine Belange übertragbar. Wenn Sozialwissenschaften, Psychologie, Politikwissenschaft und Medizin so verfahren, verlieren sie den individuellen Menschen aus dem Blick. Es wird eine Theorie angewendet, die sich durch die Funktion nicht als wirklich beweisen lässt, außer, man nimmt die Theorie als Glaubenssatz an. Dem wird durch die Mittel der Statistik und anderer empirischen Wissenschaftsmethoden der Anschein der Objektivität gegeben. Durch die hierbei nötige Standardisierung gewinnt man eine sich selbst bestätigende Logik und verliert den Begriff der Individualität. So entsteht ein technisches Bild des Menschen, das den Menschen quasi als Abbild von systemischen Operationen versteht, und aus dieser Konsequenz auch die sozialen Zustände systemisch ordnen will.

These: Das Bindeglied zwischen der Wissenschaft und der Gestaltung menschlicher Zusammenhänge ist die Kunst.

Sie ist, wie die Ingenieurswissenschaft, reine Praxisforschung. Sie erforscht durch die Darstellung von Kräften, Zusammenhängen, Materialien und Impulsen der Gestaltung unmittelbar den Menschen selber in der Summe seiner Ausdrucksmöglichkeiten.

Dass diese Erforschung nicht auf Anwendung, sondern auf das Potential des Menschen gerichtet ist, lässt den Wert der Kunst in unserer Zeit, in der die praktische, technische Anwendung zum zentralen Kulturfaktor erhoben wird, auf ein Spiel der Subjektivität zur ästhetischen Erbauung herabsinken.
Durch diese Anschauungsart entsteht ein Bildungskonzept, das auf Wissensinhalte und Lerntechnik geht. Es fehlt das Wissen, wie Phantasiekraft, Lebenskraft und Inspirationsfähigkeit in der Pädagogik und für die weitere Entwicklung der Individualität angelegt werden können. Die Folgen in ihrer Wirkung auf die Gesellschaft sind deutlich: Verlust der Körperbeherrschung, Sprachverlust, Gedächtnisverlust, psychische Destabilität, resignative Grundstimmung auf der persönlichen Ebene. Im Sozialen sind hier besonders die Auswirkungen auf die Arbeitswelt zu beachten: Das Phänomen der Arbeitslosigkeit auf der einen und einer Überforderung durch mechanische Arbeitskonzepte ohne Sinnerfüllung auf der anderen Seite. Sieht man nun auf die Lösungskonzepte für diese Probleme ist man mit einer erstaunlichen Phantasielosigkeit konfrontiert!

Hier ist ein Vakuum erlebbar, das die Forderung nach einem Paradigmenwechsel deutlich werden lässt: Das Künstlerische als grundlegendes Bildungsprinzip einzusetzen und eine soziale Kunst zu entwickeln, um den gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsen zu sein!

Spricht man von einer sozialen Kunst, so sind, wie bei jeder Kunst, der Stoff, die Gesetze und die Ziele anzugeben.

Der Stoff der sozialen Kunst ist der soziale Körper selber. Dieser hat sich historisch aus Familien- und Stammeszusammenhängen über Religionszugehörigkeiten und Staaten bis zum Phänomen der Masse entwickelt. Parallel zu dieser Entwicklung ging eine stufenweise Individualisierung der Persönlichkeit. So stehen sich heute Masse und Individuum gegenüber, während alle anderen Zustände mehr oder weniger in Auflösung oder Neuorientierung begriffen sind. Das in der Masse vereinsamte Individuum ist nun herausgefordert, nach seinen Interessen und Neigungen neue soziale Formen aufzubauen. So haben wir es heute mit einem Nebeneinander von vielfältigen alten und neuen Formen zu tuen. Zu unterscheiden sind hierbei dekadente, weil abgelebte Formen und illusorische, weil nicht am Menschen orientierte Formen. Jede Kunst erkämpft zwischen diesen Polen die Authentizität, so auch die soziale Kunst. Ist der Begriff einer Kunst hier berechtigt, so ist der Ausgangspunkt vom schöpferischen Individuum wie bei jeder Kunst selbstverständlich. Konsequenterweise überträgt sich diese Haltung auch auf alle Gestaltung der sozialen Kunst: Sie geht vom Individuum aus, zum Individuum hin und realisiert jede Gemeinschaft als ein Begegnungsfeld von Individuen. Damit ist die Ethik der sozialen Kunst als einer freien und verantwortungsvollen Gestaltung umrissen. Ist man dabei an die anarchistischen Philosophien erinnert, so besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Anarchie und sozialer Kunst: Was die Anarchie abstrakt als Haltung fordert, entwickelt und übt die soziale Kunst Schritt für Schritt- den Weg von der Fremdbestimmung in die Selbstbestimmung.

7. Die Frage der eigenen Lebenshaltung rückt ins Zentrum des Selbstbewusstseins
die Prüfung

Man kann die heutige soziale Situation für viele Menschen als bestimmt von Angst, Ohnmacht und Orientierungslosigkeit erleben. Man kann sich dann die Frage stellen, warum dies so ist.
Der Wald ist dem Jäger ein Jagdgebiet, dem Förster das gesunde Wachstum, dem Schreiner das Material, dem Wanderer die Erholung und dem Kind das Abenteuer – es ist immer derselbe Wald, oder?
Die menschliche Gemeinschaft ist dem Leichten die Zerstreuung, dem Ängstlichen der Schutz, dem Grübler ein Problem, dem Genusssuchenden eine Eroberung, dem Schwachen das Feld der Macht.
Was ist die Gemeinschaft dem, der anderen helfen will?

Wahrnehmung der Not und die Hoffnung, die richtigen Mittel zu haben, diese Not zu wenden?
Dieses Bild von Not und Notwendigkeit setzt einen Zustand der Normalität voraus, aus dem heraus der Einzelne in Not gerät. Ist die Not gewendet, wäre man dann wieder in einem Zustand des Glücks, der Normalität, des Gesunden.

Die heutige soziale Frage fordert eine ganz neue Qualität: Das Verhältnis von Helfendem und Hilfsbedürftigem wandelt sich in die gegenseitige Hilfe zur persönlichen Entwicklung. Es ist die Verwirklichung der Augenhöhe als dem höchsten Prinzip menschlicher Begegnung. In diesem Prinzip gibt mir einzig das volle Interesse am anderen die Berechtigung, in irgendeiner Art in sein Leben einzugreifen. Zu diesem Interesse gehört auch die Offenheit, den anderen in meine Bewegung eingreifen zu lassen. Dies ist der anstehende Entwicklungsschritt nach der Forderung von professioneller Distanz im sozialen Bereich, die in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurde. Diese Forderung ging davon aus, dass der Helfende den Abstand zum anderen Menschen braucht, um nicht selber in dessen Problem hineingezogen zu werden. Der Paradigmenwechsel in der zwischenmenschlichen Begegnung liegt nun in dem Erringen eines neuen Standpunktes des Bewusstseins. Am Bild des Schauspielers kann einem das deutlich werden. Dieser hat es in seinem Spiel mit drei Ebenen zu tun:

1. mit seinem eigenen, gegebenen Körper, 2. mit der Figur, die er spielt, die einen anderen Körper hat und 3. mit seinem leitenden Bewusstsein, das beide Zustände auf der Bühne in den richtigen Zusammenhang bringt. Diese 3. Ebene des Bewusstseins ist frei von der Rolle und auch frei von der eigenen Körperkonstitution, sie spielt mit der 2. auf der 1. Ebene. Diese Tätigkeit ist beim Schauspieler auch nicht geleitet aus Reflexion oder Vorstellung, sondern ein unmittelbarer intuitiver Akt. Kommt die Aktion aus der Vorstellung, ist das peinlich, als langweilig oder überspannt für den Betrachter erlebbar.

Dieser Zustand der intuitiven Steuerung kann übertragen werden auf die menschliche Begegnung überhaupt. Dort wird sie die professionelle Distanz ersetzen. Sie bietet denselben Schutz bei voller Empathie und Öffnung. Es reicht auch, wenn einer in der Begegnung diesen Zustand herstellen kann, denn man kann erleben, dass jeder Mensch, wenn auch erst einmal verborgen, offen ist für diese Art der Begegnung, wenn sie ihm vom anderen entgegengebracht wird.

Die Schulung dieser Fähigkeit wird am leichtesten aus den oben genannten Gründen im Schauspiel geschehen. Es ist aber das Prinzip der Kunst selber. Jeder Künstler hat gerade durch die intensive, existentielle Verbindung mit seinem Schaffensprozess eine Freiheit, die ihn erhebt und befeuert und im Ringen zwischen Form und Inhalt zu seiner eigenen Kraft und Wirklichkeit bringt.

Dieses Prinzip ist ganz unabhängig von beruflicher Qualifikation. Die größte Forderung besteht hierbei sogar für den sozial oder heilend Tätigen. Er muss alles Wissen über Lehre und Methode im menschlichen Kontakt komplett vergessen, transformieren. Diese Forderung entspricht der der Bühne, wo der Schauspieler alle Technik, alle Regieanweisung, ja die ihn umgebende „Realität“ vergessen muss, um geistesgegenwärtig künstlerisch zu handeln. Deswegen könnte man so formulieren, dass die soziale Kunst als Möglichkeit einer freien, gegenseitige Entwicklung für jeden Menschen ansteht , am meisten aber diejenigen fordert, die für die Pädagogik, die Therapie, die soziale Arbeit qualifiziert sind.

8. Bildung von freien sozialen Zusammenhängen
die Gestaltung der Sozialen Kunst

Mit den vorangegangenen Gedanken ist ein Entwicklungsweg zur sozialen Kunst beschrieben. Das Ideal dieser Kunst soll hier in aller Anfänglichkeit und Unvollkommenheit umrissen werden. Dabei ist eben auch zu bedenken, dass wir mit den oben beschriebenen Herausforderungen und Fähigkeiten am Anfang stehen. So wie die Musik vor der Renaissance in einfacher Form über Jahrtausende gelebt hat, und dann innerhalb von kurzer Zeit zur hochkomplexen Ausdrucksform geworden ist, wird auch die soziale Kunst aus den ersten zarten Anfängen sich zur bestimmenden Kunst für die Zukunft entwickeln.

Das klassische Griechenland entwickelte die Gemeinschaftsform der Polis, des Stadtstaats. Die soziale Tugend bestand darin, dass der Einzelne dem Wohl der Gemeinschaft dient. Individualisierung, die den Rahmen der Gemeinschaft sprengte, wurde als Tyrannei geächtet und bestraft. Die Gemeinschaft war dabei überschaubar- jeder kannte jeden- und durch allgemein anerkannte Werte und Riten stabilisiert.

Heute haben wir unüberschaubare soziale Zusammenhänge; der Einzelne fühlt sich einer Masse gegenüber und einem abstrakten Staatsgebilde zugehörig. Nimmt man den entwickelten Individualitätsbegriff ernst, ist die neue soziale Tugend das starke Heraustreten der Individualität aus der Masse. Der Einzelne sucht seinen Gestaltungsraum, sucht die Menschen, mit denen er gemeinsame Ziele verwirklichen will. Was bei den Griechen Tyrannei war, wird heute zur Voraussetzung einer produktiven menschlichen Gemeinschaft. Nur eine starke Individualität ist in der Lage, soziale und politische Verantwortung zu übernehmen. Die Werte des Lebens und der Gesellschaft können heute nicht mehr von außen gegeben werden, weder vom Staat, noch von der Religion. Jeder Versuch in dieser Richtung führt zur Schwächung der Gemeinschaft und ruft das Gegenteil auf den Plan. Stattdessen müssen Einrichtungen in Schule,
Ausbildung und Beruf gefunden werden, die in Vertrauen auf die Selbstständigkeit der Persönlichkeit diese fördern. Zum Vertrauen in die Individualität gehört die Akzeptanz der Einseitigkeiten, sogar des Asozialen. Starke Individualitäten werden mit Sicherheit weniger Schaden in der Gesellschaft verursachen, als geschwächte, resignierende, abhängige Menschen, und sie werden ihre Produktivität der Gemeinschaft zur Verfügung stellen.

Wenn das künstlerische Prinzip die Stärke der Individualität entwickelt, ist gewährleistet, dass diese Entwicklung dem Einzelnen und der Gemeinschaft zu gute kommt:

  • Kunst fördert und fordert alle Kräfte des Menschen in harmonischer Verbindung
  • Kunst übt das Gesetz, das aus dem Menschen selber kommt, also ohne Zwang angenommen werden kann.
  • Kunst gibt eine Stärke, die nicht in der Macht, sondern im Opfer ihr Ziel hat.
  • Kunst bringt dem Leben die Quelle zur Entwicklung, die Inspiration.
  • Kunst lebt immer aus der Zukunft in die Zukunft.
  • Kunst ist die universelle Sprache der Menschheit.

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